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Warum fressen Katzen Gras, obwohl sie sich danach übergeben?
Es ist eine der bekanntesten, sichtlich unappetitlichen und zugleich rätselhaftesten Gewohnheiten von Katzen.
Sie lassen Ihre Katze auf die Terrasse. Sie ignoriert vollständig das teure, proteinreiche Lachspastete, das Sie gerade in ihre Schüssel gegeben haben. Stattdessen marschiert sie zielstrebig zu einem zufälligen Büschel Gras, das zwischen den Pflastersteinen wächst. Sie kaut aggressiv auf den zähen grünen Halmen, schluckt mehrere lange Stücke, ohne sie vollständig zu kauen.
Zehn Minuten später kommt sie ins Haus zurück, setzt sich direkt auf Ihren teuersten Teppich und würgt gewaltsam einen feuchten, zylindrischen Klumpen aus unverdautem Gras und grauem Katzenhaar heraus.
Als Besitzer stehen Sie völlig ratlos da. Warum würde ein hochintelligenter obligater Fleischfresser bewusst eine Pflanze fressen, die sein Magen so heftig ablehnt? Ist es ein Zeichen eines Nährstoffmangels oder einer Krankheit?
Die Antwort ist überraschend: Die Tatsache, dass das Gras Erbrechen auslöst, ist genau der biologische Sinn und Zweck davon. Hier ist die unverblümte Wissenschaft hinter dem Grasverzehr bei Katzen.
1. Die biologische Entgiftung: Das natürliche Brechmittel
Um die Grasess-Gewohnheit zu verstehen, müssen Sie zunächst akzeptieren, was eine Katze tatsächlich ist: ein obligater Fleischfresser.
Ihr gesamter Verdauungstrakt – von den scharfen Zähnen bis zu den extrem kurzen Dünndärmen – ist ausschließlich darauf ausgelegt, rohes tierisches Eiweiß und Fett zu verarbeiten. Katzen besitzen nicht die notwendigen Verdauungsenzyme, um schwere pflanzliche Zellwand-Bestandteile (Zellulose) abzubauen, wie sie in Gras vorkommen.
Da sie das Gras physisch nicht verdauen können, wirken die zähen, scharfen Halme als starker physischer Reizstoff für die Magenschleimhaut. Dieser starke Reiz zwingt das Gehirn dazu, einen schnellen Würgereflex auszulösen.
Warum sollte ein Tier sich absichtlich übergeben? Weil es die effektivste, millionen Jahre alte Methode zur biologischen inneren Reinigung ist.
Wenn eine Katze in der Wildnis auf Beutetiere jagt, frisst sie fast das gesamte Tier. Sie verspeist das Muskelfleisch, aber sie schluckt auch Knochen, unverdauliche Federn, harte Schnäbel und dickes Tierfell. All diese unverdaulichen Teile lagern sich schwer im kleinen Magen ab und können nicht durch den schmalen Darm gelangen. Verbleiben Knochensplitter im Magen, können sie eine lebensgefährliche Blockade verursachen.
Wenn die wilde Katze das zähe Gras frisst, wickeln sich die langen Halme direkt um die scharfen Knochen und die Federklumpen im Magen. Wenn das Gras den Würgereflex auslöst, kann die Katze die gefährlichen, unverdaulichen Beutereste vollständig und sicher ausscheiden. Das Gras fungiert als biologisches Sicherheitsnetz gegen innere Blockaden.
2. Das Haarballen-Problem bewältigen
Selbst wenn Ihre Hauskatze in ihrem ganzen Leben noch nie eine lebende Maus gejagt hat, braucht sie dennoch die biologische Reinigung – aus einem einzigen, sehr pelzigen Grund: sich selbst.
Katzen sind außerordentlich akribische Groomer und verbringen bis zu einem Drittel ihrer Wachstunden damit, ihr Fell zu lecken. Ihre Zunge ist mit winzigen, scharfen, rückwärts gerichteten Stacheln (Papillen) bedeckt, die wie eine Haarbürste wirken und locker sitzende Haare aus dem Fell direkt in die Speiseröhre befördern.
Eine Katze schluckt täglich eine erstaunliche Menge ihres eigenen Fells. Haare bestehen vollständig aus Keratin, das der Katzenmagen nicht verdauen kann. Im Verlauf mehrerer Wochen verdichtet sich dieses tote Haar im Magen zu einer harten, zylindrischen Masse, die klinisch als Trikhobezoar – im Volksmund Haarballen – bezeichnet wird.
Wird ein Haarballen zu groß, um ihn zu erbrechen, kann er sich im Verdauungstrakt festsetzen und einen chirurgischen Notfalleingriff erfordern.
Wenn Ihre Hauskatze spürt, dass ein Haarballen im Magen unangenehm groß wird, zwingt sie ihre wilde DNA dazu, gezielt nach Gras zu suchen. Sie nutzt das Gras bewusst, um den Würgereflex auszulösen und den Haarballen sicher zu entfernen, bevor er zu einem medizinischen Notfall wird.
3. Die Theorie der Nährstoffergänzung
Während das Ausscheiden unverdaulicher Materie der primäre biologische Antrieb ist, glauben Veterinärforscher, dass es ein sekundäres, faszinierendes ernährungswissenschaftliches Element beim Grasverzehr gibt.
Obwohl Katzen die eigentliche Zellulosestruktur des Grashalms nicht verdauen können, gewinnen sie beim Kauen geringe Mengen des pflanzlichen Innensafts.
Graspflanzensäfte enthalten erhebliche Mengen an Folsäure (Vitamin B9). Folsäure ist ein unverzichtbares Vitamin für die Produktion von Hämoglobin, dem sauerstofftransportierenden Protein in den roten Blutkörperchen.
Ist die Milch einer Mutterkaze an Folsäure arm, können ihre Kätzchen schwere, lebensbedrohliche Blutarmut entwickeln. In der Wildnis ist das Fressen von Gras ein einfacher, genialer evolutionärer Mechanismus, um die Aufnahme ausreichend lebenswichtiger Spurennährstoffe zu sichern – unabhängig von der rein fleischbasierten Ernährung.
Fazit
Das nächste Mal, wenn Ihre Katze aggressiv am Rasen kaut und schließlich einen feuchten Klumpen aus grüner Masse ins Wohnzimmer befördert, bestrafen Sie sie nicht. Sie verhält sich nicht falsch, und sie hungert nicht. Sie vollzieht fehlerfrei eine komplexe, weise evolutionäre Überlebensstrategie, die darauf ausgelegt ist, sie vor schweren inneren Blockaden zu schützen. Um Ihren teuren Teppich zu schonen und sie vor potenziell giftigen Pestiziden draußen zu bewahren, lohnt es sich, einen speziellen Indoor-Topf mit „Katzengras” (meist Hafer oder Gerste) anzupflanzen, den sie sicher genießen – und sicher über Ihren Küchenfliesen erbrechen – kann.